Zufallsfund im Labor bringt Kieler Start-up NATO-Förderpreis

Wie die Uni Kiel Forschende von der Erfindermeldung bis zur Ausgründung begleitet

20.04.2026
© MIRA NOVA ROSE Pictures

Rainer Herges war Professor für Organische Chemie an der Uni Kiel. Die Uni unterstützt Forschende dabei, Erfindungen zu patentieren, zur Marktreife zu entwickeln, damit Start-ups zu gründen oder an Firmen zu lizensieren

Eigentlich suchte Prof. Dr. Rainer Herges nach Molekülen, die sich als unendlich kleine Schalter nutzen lassen - hunderttausendmal winziger als die winzigsten Transistoren. Die Entdeckung, die er dabei per Zufall machte, kann in naher Zukunft vielleicht Leben retten: „In einem unserer Experimente fiel uns auf, dass sich eine der Verbindungen grün färbte, wenn wir sie auflösten“, erinnert sich der Professor für Organische Chemie an der Uni Kiel. „Das hat uns überrascht - wir konnten uns das zunächst nicht erklären.“

Herges forschte zusammen mit seiner Arbeitsgruppe nach, wodurch der Farbumschlag ausgelöst wurde. Und er fand heraus, dass dafür winzigste Mengen sogenannter Peroxide verantwortlich waren. Diese sind in vielen Sprengstoffen enthalten - etwa in Triaceton-Triperoxid, das auch von Kriminellen genutzt wird. Das Problem: TATP (so das Kürzel) ist hochexplosiv und mit bloßem Auge nicht von Drogen wie Kokain zu unterscheiden. „Für unsere Verbindung ist das dagegen kein Problem“, sagt der Wissenschaftler.

Höchst empfindlich und hervorragend für den Feldeinsatz geeignet

Er fragte sich, ob sich die Substanz nicht zur Herstellung eines Sprengstoff-Schnelltests eignen würde. Schließlich war die Methode extrem empfindlich - vergleichbar mit den Analysegeräten an Flughäfen. Die sind aber für einen Feldeinsatz völlig ungeeignet - wenn etwa in einem illegalen Labor rasch einige Behälter mit einem weißen Pulver analysiert werden müssen. Herges lud also eine Erfindermeldung aus dem Intranet der Uni herunter, füllte sie aus und mailte sie an die Verwaltung.

Nach dem Arbeitnehmer-Erfinder-Gesetz gehören Erfindungen nicht den Forschenden, die sie gemacht haben, sondern der Universität. Schließlich wurden für die Forschung Personal und Laboratorien der Hochschule genutzt. Allerdings hat die Uni durchaus Interesse daran, innovative Ideen in die Anwendung zu bringen. „Wir prüfen, ob die Entdeckung wirklich neu ist und welches Marktpotenzial sie hat - oft auch mit Hilfe externer Fachleute“, sagt Axel Koch, der an der CAU den Geschäftsbereich Transfer leitet. „Wenn das Urteil positiv ausfällt, leiten wir eine Patentierung ein, unterstützen die Forschenden bei der Umsetzung zur Marktreife und suchen gemeinsam mit ihnen nach Lizenznehmern.“

Davon profitieren beide Seiten. Denn die erste Patentanmeldung, die die Erfindung meist nur in einem Land schützt, ist zwar nicht teuer. „Wenn aber später eine breitere Anmeldung erfolgt, kann sich das schnell im sechsstelligen Rahmen bewegen“, sagt Koch. „Je nachdem, für wie viele Länder sie gelten soll.“ Die Uni Kiel tritt damit zunächst einmal in Vorleistung, erhält dafür aber im Gegenzug Lizenzgebühren, wenn die Technologie später vermarktet wird. Wenn etwa ein fremdes Unternehmen ein entsprechendes Produkt entwickeln möchte, muss es dafür zahlen. Die Erfinder werden dann mit 30 Prozent an diesen Einnahmen beteiligt. 

An der CAU genießt das Thema „Vermarktung von Innovationen“ momentan einen hohen Stellenwert. „Wir planen zum Beispiel, dass sich die Universität in Zukunft auch an Ausgründungen beteiligen kann“, erklärt Axel Koch. „Sie würde dann also als Investor auftreten und zum Beispiel zu Beginn 100.000 Euro zuschießen. Im Gegenzug erhält sie Anteile am Unternehmen.“ In den USA, aber auch europäischen Ländern wie Tschechien ist so etwas längst üblich. Auch die Nutzung von Laboren oder teurer Geräte durch Start-ups möchte die Universität vereinfachen. Auf diese Weise soll auch die Auslastung der Infrastruktur verbessert werden. 

„Gründungs-Mindset“ fördern

Hoffnung setzt Koch auch in KI-Tools, mit denen Unibeschäftigte Patentierbarkeit und Marktchancen ihrer Ideen aufwandsarm beurteilen können. „Es geht darum, die Zahl der Patente so zu erhöhen, dass wir eine kritische Masse erreichen und dadurch auch einen entsprechenden Gründungs-Mindset an der CAU etablieren“, sagt er. Bis man an diesem Punkt mit den Hochschulen in den USA oder im ebenfalls sehr gründungsfreundlichen Israel mithalten könne, werde wohl noch einige Zeit vergehen. „Aber es tut sich momentan gerade sehr viel.“

Rainer Herges begrüßt diese Pläne, sieht aber noch Optimierungspotenzial. Er hatte sich dazu entschieden, das Patent auf den Sprengstoff-Test selbst zu lizensieren und seine Verwertung in eigene Hände zu nehmen. Zusammen mit dem erfahrenen Start-up-Unternehmer Stefan Kloth gründete er dazu das Unternehmen ‚herges detection‘. Bestandteil des Weges waren umfassende Verhandlungen mit der Hochschule, um den Lizenzvertrag aufzusetzen und ausreichender zeitlicher Vorlauf.

Start-ups brauchen Unterstützung

„Maßgeblich für junge Unternehmen sind längerfristige Nutzungsverträge für Labor-Infrastruktur und bürokratische Erleichterungen“, meint Herges. „So soll Planungssicherheit auf lange Sicht geschaffen werden, die insbesondere externe Investoren fordern.“

Herges wünscht sich zudem noch mehr Unterstützung für akademische Gründerinnen und Gründer - gerade für den Aufbau professioneller Management-Strukturen. Denn die brauche es, wolle sich ein junges Unternehmen am Markt etablieren. Dennoch ist der erste Meilenstein inzwischen geschafft: Der Schnelltest wurde bereits erfolgreich am Markt eingeführt. 

Auch Herges bemerkt gerade eine gewisse Aufbruchsstimmung. So seien inzwischen viele Studierende daran interessiert, auch die mögliche wirtschaftliche Verwertbarkeit ihrer Ergebnisse im Blick zu behalten. „Die Hauptaufgabe der Universität ist sicher eine andere - nämlich vor allem, Grundlagenforschung zu betreiben“, betont er. „Aber es lohnt sich, die Augen offen zu halten, ob unter den gewonnenen Resultaten auch welche sind, die sich kommerzialisieren lassen. Ich habe das Gefühl, dass sich diese Einstellung gerade durchzusetzen beginnt.“

Sein eigenes Beispiel trägt sicher dazu bei. Nicht nur, dass der von ihm entwickelte Sprengstoff-Schnelltest inzwischen bereits vom Kampfmittelräumdienst Schleswig-Holstein genutzt wird - vor einigen Wochen hat das Start-up auch noch mit einem anderen Erfolg Schlagzeilen gemacht: Es hat bei einem Wettbewerb der NATO einen Förderpreis gewonnen - dotiert mit 100.000 Euro.

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