Präzisionsmessung unter Beschuss: Wenn die Waage selbst zum Messobjekt wird
Künftig könnten Materialverluste und chemische Veränderungen gleichzeitig untersucht werden
Wie misst man mit einer der empfindlichsten Waagen der Welt? An der TU Wien zeigte man, wie die Messung nicht nur das Messobjekt, sondern auch die Waage selbst beeinflusst, und wo die absoluten Grenzen der Präzision liegen.
Das Team an der TU Wien (v.l.n.r.): Friedrich Aumayr, Martina Fellinger, Christian Cupak, Michael Schmid
© TU Wien
Wenn wir auf eine Badezimmerwaage steigen, wird die Kraft gemessen, die wir auf die Waage ausüben. Die Präzisionswaage der TU Wien basiert auf einem völlig anderen Prinzip: Es handelt sich um eine Quarz-Kristall-Mikrowaage. Dabei wird ein Kristall in Schwingung versetzt. Ändert sich seine Masse, ändert sich auch die Schwingungsfrequenz des Kristalls, und das lässt sich mit erstaunlicher Präzision messen – mit neun signifikanten Stellen, also mit einer Genauigkeit von ungefähr eins zu einer Milliarde.
An der TU Wien nutzt man diese extrem präzise Mikrowaage, um den Beschuss von Oberflächen mit Ionen zu untersuchen. Die Ionen können einzelne Atome aus der Oberfläche herausschlagen – ein Prozess, der in der Materialforschung und in der Kernfusion entscheidend ist. Um solche winzigen Materialverluste zu verstehen, muss man an die absolute Grenze des Messbaren gehen. Diese Grenzen wurden nun von einem Team der TU Wien gemeinsam mit Partnern der Universität Uppsala genauer unter die Lupe genommen. Dabei zeigte sich, dass ein hochenergetischer Ionenstrahl nicht nur das untersuchte Material beeinflusst – sondern auch das Messgerät selbst. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Applied Surface Science veröffentlicht.
Mehr als nur ein Messsignal
Bei den im Zuge der Studie durchgeführten Messungen mit einer Quarz-Kristall-Mikrowaage konnten die Forscherinnen und Forscher nicht einfach nur ein Messergebnis ablesen, wie bei der Badezimmerwaage. „Das System reagiert durchaus komplex und es zeigen sich mehrere unterschiedliche Effekte, auf unterschiedlichen Zeitskalen, die sich gegenseitig überlagern“, erklärt Martina Fellinger von der TU Wien, Erstautorin der Studie.
Wenn der Ionenstrahl den Kristall trifft, wirkt er wie eine winzige, punktförmige Wärmequelle. „Die lokale Erwärmung erzeugt mechanische Spannungen im Kristall“, sagt Fellinger. „Und genau diese Spannungen verändern die Resonanzfrequenz.“ Besonders bemerkenswert: Der Effekt hängt stark davon ab, wo genau der Strahl auf den Kristall trifft. „Kleine Positionsänderungen können das Signal deutlich verändern“, so Fellinger. Auf einer Skala von Minuten ist zusätzlich ein anderer Effekt wichtig: Der gesamte Kristall erwärmt sich langsam, auch dadurch ändert sich die Resonanzfrequenz.
Die eigentliche Massenänderung, die man mit der Quarz-Kristall-Mikrowaage nachweisen möchte, wäre hingegen ein bleibender Effekt: Wenn Atome aus der Oberfläche entfernt werden, wird die vibrierende Masse geringer, dadurch nimmt die Resonanzfrequenz zu. Doch die Studie zeigt: Auch ein bleibendes Frequenzsignal ist nicht automatisch eine reine Masseninformation. Es kann auch durch Veränderungen im Quarz selbst entstehen, etwa durch Strahlenschäden.
Die Überlagerung all dieser Effekte bedeutet: Man kann keine klare Grenze zwischen der Waage und dem Messobjekt ziehen. Die Waage selbst verändert sich durch die Messung – und nur wenn man das berücksichtigt, kann man korrekte Ergebnisse erhalten. In ihrer Forschungsarbeit konnte das Team die einzelnen Effekte physikalisch erklären und quantifizieren. Das ist vor allem auch für zukünftige Anwendungen dieser Messmethodik essenziell.
Präzise Messungen für Massenänderungen sind wichtig, etwa um den Materialabtrag in zukünftigen Fusionsreaktoren optimieren zu können oder um Oberflächenabtragungen auf Planeten und Monden im Weltraum zu verstehen. Die entsprechenden Experimente werden an der TU Wien in der Gruppe von Prof. Friedrich Aumayr, in der Martina Fellinger ihre Dissertation durchführt, seit Jahren intensiv untersucht. Langfristig eröffnet die Kombination von Quarz-Mikrowaagen mit hochenergetischen Ionenstrahlen zur Materialanalyse neue Möglichkeiten: So könnten künftig gleichzeitig Materialverluste und chemische Veränderungen untersucht werden. Die Studie macht deutlich: Wer extrem präzise misst, misst nicht nur das Objekt – sondern auch die Physik des Messgeräts selbst.
Originalveröffentlichung
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Originalveröffentlichung
Martina Fellinger, Eduardo Pitthan, Christian Cupak, Friedrich Aumayr, Daniel Primetzhofer, Michael Schmid; "Response of a quartz crystal microbalance to a localized heat source: The case of MeV ion irradiation"; Applied Surface Science, Volume 743
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