MIPAS-B-Team, KITDie Atmosphärenforschungen über Nordskandinavien mit einem ballongetragenen Infrarot-Spektrometer bestätigen die bestehenden Modelle der polaren Ozonchemie.
19.07.2010: Wissenschaftlern am KIT ist es erstmals gelungen, aus gemessenen
Infrarotspektren die Chlorverbindung ClOOCl zu
bestimmen, der eine Schlüsselrolle bei der stratosphärischen
Ozonzerstörung zufällt. Die Messungen widerlegen deutlich die
aufgrund von Labormessungen geäußerten Zweifel amerikanischer
Wissenschaftler an den etablierten Modellen der polaren
Ozonchemie. Vielmehr bestätigen die Karlsruher Atmosphärenmessungen
das bestehende Wissen.
Das Ozonloch über der Antarktis und die zerstörerische Rolle, die
dabei die Fluor-Chlorkohlenwasserstoffe (FCKW) und ihre Abbauprodukte
spielen, sind sowohl ein Synonym für globale Umweltprobleme
als auch für deren Lösung durch weltweite konzertierte Abkommen
geworden. Die wissenschaftliche Grundlagenforschung zur Ozonchemie in der Atmosphäre bildete dabei die Basis für internationale
Verträge wie das Montreal-Protokoll von 1987, welches die
FCKW-Produktion einschränkt. Der Erfolg der politischen Umsetzung
dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigt sich darin, dass
der Chlorgehalt der Atmosphäre und damit das Ozonzerstörungspotenzial
seit kurzem wieder langsam sinken.
Wissenschaftlern des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung
(IMK) ist es nun erstmals gelungen, eine wichtige aber sehr instabile
Chlorverbindung, das Chlormonoxid-Dimer (ClOOCl), der eine zentrale
Bedeutung in der stratosphärischen Ozonzerstörung am Ende
des arktischen Winters zufällt, mithilfe von atmosphärischen Infrarotmessungen
zu bestimmen. Aus ClOOCl kann im polaren Winter
nach Sonnenaufgang sehr schnell atomares Chlor gebildet werden,
welches Ozon katalytisch abbauen kann. Die Stärke des durch
kurzwelliges Sonnenlicht hervorgerufenen Zerfalls von ClOOCl bestimmt
dabei die Stärke des stratosphärischen polaren Ozonabbaus.
Das Verständnis der Prozesse, die bei der ozonzerstörenden Chlorchemie
in der Atmosphäre dominieren, wurde jedoch durch Labormessungen
amerikanischer Wissenschaftler in Frage gestellt (F. Pope et al., J. Phys. Chem. A, 111, 4322-4332, 2007). Aus deren Labormessungen geht hervor, dass der durch Sonnenlicht hervorgerufene
Zerfall von ClOOCl kleiner ist als der von anderen Arbeitsgruppen
errechnete Zerfall. Dadurch würde auch der Ozonabbau
schwächer ausfallen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass stratosphärische
Chemie-Modelle den tatsächlich gemessenen Ozonabbau mit
diesen Labormessungen deutlich unterschätzen. Somit wurde das
Verständnis der ozonzerstörenden Prozesse in Frage gestellt.
„Die Atmosphärenmessungen der KIT-Forscher über Nordskandinavien
mit einem ballongetragenen Infrarot-Spektrometer MIPAS-B in
Höhen von mehr als 20 Kilometern widerlegen klar die Zweifel der
amerikanischen Wissenschaftler und bestätigen die bestehenden
Modelle der polaren Ozonchemie“, betont Dr. Gerald Wetzel, Mitarbeiter
am IMK. „Die Messung und Auswertung von Ballonspektren
erfordern eine sehr enge Zusammenarbeit von Ingenieuren und
Wissenschaftlern, ohne die diese wichtigen Ergebnisse nicht möglich
wären.“
Originalveröffentlichung: G. Wetzel et al.; „First remote sensing measurements of ClOOCl along with ClO and ClONO2 in activated and deactivated Arctic vortex conditions using
new ClOOCl IR absorption cross sections”; Atmospheric Chemistry and Physics, 10, 931-945, 2010