Superlaser enthüllen die Struktur von Schlüsselproteinen

Strukturbiologen aus Hamburg, Lübeck und Tübingen gehen neue Wege in der Erforschung von Proteinen in Krankheitserregern

Michael Duszenko/ Universität Tübingen

Elektronenmikroskopische Aufnahme einer Insektenzelle, aus der ein Proteinkristall (pink) herausragt.

31.01.2012: Wissenschaftler der Universitäten Hamburg, Lübeck und Tübingen haben in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY und weiteren Forschergruppen ein neues Experiment erfolgreich durchgeführt, das sie in der aktuellen Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature Methods“ beschreiben: Sie züchteten erstmals Nanokristalle von Proteinen in ihrer natürlichen Form in lebenden Zellen und erhielten durch Bestrahlung mit einem Freien-Elektronen-Laser Daten zur räumlichen Struktur der Proteine mit hoher Auflösung.

Die dreidimensionale Struktur der Proteine gibt Aufschluss darüber, welche Funktion sie bei der Steuerung einer Zelle in Organismen übernehmen. Wissen über die Struktur bietet somit beispielsweise die Grundlage für die Bekämpfung bakterieller Zellen oder Parasiten und unterstützt die Entwicklung neuer Wirkstoffe gegen Krankheitserreger.

Bisher war zur Aufklärung der dreidimensionalen Struktur von Proteinen durch Röntgenstrukturanalyse ein aufwendiges Verfahren nötig, denn Wissenschaftler mussten von ausgewählten Proteinen Kristalle mit einer Kantenlänge von mindestens 100 Mikrometer in jede Richtung züchten.

Mit einem „Freien-Elektronen-Laser“ in Stanford, Kalifornien, konnte die Forschergruppe nun hochintensive Röntgenpulse nutzen und viel kleinere Kristalle, nämlich Nanokristalle von nur wenigen Mikrometern Kantenlänge, untersuchen. Die Züchtung von Nanokristallen des Enzyms Cathepsin B aus dem Parasiten Trypanosoma brucei, dem Erreger der Schlafkrankheit, gelang den Strukturbiologen erstmalig in lebenden Insektenzellen.

Das Ergebnis zeigt, dass es mit der neuen Technologie möglich wird, Daten zur Proteinstruktur von Nanokristallen in hoher Qualität zu bekommen. Neben der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Nachwuchsgruppe „Strukturelle Infektionsbiologie unter Anwendung neuartiger Strahlungsquellen (SIAS)“ der Universitäten Hamburg und Lübeck und der Hamburg School for Structure and Dynamics in Infection (SDI) der Landesexzellenzinitiative Hamburg, waren ein Forscherteam um Prof. Michael Duszenko von der Universität Tübingen und Prof. Henry Chapman vom DESY beteiligt.

SIAS, initiiert von den Strukturforschern Prof. Christian Betzel, Universität Hamburg, und Prof. Rolf Hilgenfeld, Universität Lübeck, forscht seit 2010 zur Anwendung neuartiger Strahlungsquellen auf die Strukturbestimmung von Proteinen und anderen biologischen Molekülen. Ab 2015 wird ein solcher „Superlaser“ mit dem „Europäische X-FEL“ beim DESY in Betrieb gehen.

Prof. Michael Duszenko, Leiter der Abteilung Molekulare Parasitologie an der Universität Tübingen: „Bei der Klonierung von Cathepsin B, eines Enzyms aus Trypanosomen, konnten wir zeigen, dass sich in vivo Kristalle bilden. Aufgrund der geringen Größe und Fragilität dieser Kristalle wäre es allerdings unmöglich gewesen, diese zur Strukturanalyse zu nutzen. Deshalb hat der glückliche Umstand, dass gerade jetzt die neuartige Lasertechnologie in Kalifornien verfügbar war, dieses Projekt ideal ergänzt und neue Türen in der Strukturbiologie geöffnet. Ohne die fruchtbare Kooperation zwischen Tübingen, Hamburg und Lübeck wären die Ergebnisse nicht möglich gewesen.“

Dr. Lars Redecke, Leiter der Nachwuchsgruppe SIAS: „Unser Ergebnis zeigt, dass die Superlaser völlig neue Möglichkeiten in der Strukturaufklärung biologischer Makromoleküle bieten können. Vielleicht sind die Zeiten bald vorbei, in denen wir oft Monate oder Jahre brauchten, um von bestimmten Proteinen Kristalle zu züchten, die groß genug für Synchrotronstrahlungsquellen sind. Ich bin stolz, dass die Universitäten Hamburg, Lübeck und Tübingen bei diesen neuen Entwicklungen an vorderster Front dabei sind“.

Originalveröffentlichung:
"In vivo protein crystallization opens new routes in structural biology"; Michael Duszenko et al.; "Nature Methods", Advance Online Publication

Kontakt / Infos anfordern

Fordern Sie gratis weitere Informationen an:

Zusatzinformationen

Fakten, Hintergründe, Dossiers
Mehr über Uni Hamburg
Kontakt
Universität Hamburg
Edmund-Siemers-Allee 1
20146 Hamburg
Deutschland
Tel.
+49-40-42838-0
Fax
+49-40-42838-6594
  • News

    Direkte Abbildung magnetischer Molekülorbitale gelungen

    Wie das kürzlich erschienene Fachjournal "Nature Communications" berichtete, ist es Wissenschaftlern der Universität Hamburg aus der Gruppe von Professor Roland Wiesendanger erstmals gelungen, die magnetische Struktur von Einzelmolekülorbitalen mit der spinsensitiven Rastertunnelmikroskopie ... mehr

    Forscher „röntgen“ erstmals Rußpartikel im Flug

    Mit dem stärksten Röntgenlaser der Welt haben Forscher erstmals einzelne Rußpartikel nanometergenau im Flug abgelichtet. Das internationale Team unter Beteiligung von DESY berichtet im britischen Fachblatt „Nature“ über seine Untersuchung der Luftschadstoffe. „Zum ersten Mal können wir tats ... mehr

    Quanten-Wettlauf der Elektronen

    Einem deutschen Team von Physikern ist es erstmals gelungen, das Wettrennen zweier Elektronen, die durch Laserstrahlung aus einem Atom befreit wurden, zu beobachten. Um die Bewegung der Elektronen innerhalb eine Zeitraumes von nur 50 Femtosekunden (einbilliardster Teil der Sekunde) aufzulös ... mehr

Mehr über Uni Lübeck
Kontakt
Universität zu Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Deutschland
  • News

    Superlaser enthüllen die Struktur von Schlüsselproteinen

    Wissenschaftler der Universitäten Hamburg, Lübeck und Tübingen haben in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY und weiteren Forschergruppen ein neues Experiment erfolgreich durchgeführt, das sie in der aktuellen Online-Ausgabe der Fachzeitschrift „Nature Methods“ besch ... mehr

    Mit neuen Strahlungsquellen am DESY: Einblicke in virale Strukturen

    Biochemiker der Universitäten Lübeck und Hamburg richten eine Forschungsgruppe ein, mit der der Bauplan neuer Viren wirksamer aufgeklärt werden soll. Damit wollen sie die Methoden zum Design neuer antiviraler Wirkstoffe weiterentwickeln. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung finan ... mehr

    Krebs mit Nanopartikeln erkennen

    Magnetische Nanopartikel könnten die Untersuchung der Lymphknoten bei Brustkrebspatientinnen verbessern. Für den neuen Geräteaufbau eines tragbaren Magnetic-Particle-Imaging Scanners wurde ein Projektkonsortium der Universität zu Lübeck im Innovationswettbewerb Medizintechnik des Bundesfors ... mehr

Mehr über Universität Tübingen
Kontakt
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Wilhelmstr. 7
72074 Tübingen
Deutschland
Mehr über Deutsches Elektronen-Synchroton DESY
Kontakt
Deutsches Elektronen-Synchroton DESY
Notkestrasse 85
22607 Hamburg
Deutschland
Tel.
+4940-8998-0
Ihr Bowser ist nicht aktuell. Microsoft Internet Explorer 6.0 unterstützt einige Funktionen auf Chemie.DE nicht.