Lode Pollet, ehemaliger SNF-Stipendiat und nun Professor für Physik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, ist mit dem Newcomb-Cleveland-Preis ausgezeichnet worden. Der Preis wird jährlich für die beste im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte Arbeit verliehen. Darin berich ... mehr
Die Rechnung nicht ohne den Boten machen: Simulationen helfen protonierte Wassercluster zu vermessen
25.08.2010: Wassercluster bezeichnen Wassermoleküle, die sich kurzfristig zu
größeren Molekülverbänden zusammenschließen. Diese Wassercluster können
weitere positiv geladene Protonen aufnehmen und kommen in dieser Form
auch etwa als funktionelle Gruppen in Proteinen vor. Mit Hilfe der
Infrarotsprektroskopie lassen sich Bindungsstärke, die molekulare
Geometrie und andere Eigenschaften protonierter Wassercluster
bestimmen. Für die Messung der Schwingungsspektren sind Botenmoleküle
nötig. Ein Forscherteam um den LMU-Physiker Dr. Gerald Mathias und
Professor Dominik Marx von der Ruhr-Universität Bochum, konnte nun
erstmals nachweisen, wie diese Strukturen die Zuweisung der spektralen
Banden bei der Infrarotspektroskopie beeinflussen. "Unsere Ergebnisse
könnten dazu beitragen, solche Messungen besser zu verstehen", sagt
Mathias. "Das ist wichtig, um beispielsweise die Funktion protonierter
Wassercluster in Proteinen zu entschlüsseln. Weil Wassermoleküle
praktisch überall vorkommen, könnten die verbesserten Messungen etwa
auch bei chemischen Analysen der Erdatmosphäre oder in der Astrochemie
zum Einsatz kommen."
Starke Bindungen
Wassermoleküle sind nicht gern allein. Das verdanken sie einer
chemischen Besonderheit: Ihre Atome tragen starke Ladungen, so dass
sich benachbarte Wassermoleküle anziehen und über sogenannte
Wasserstoffbrücken zu Ketten oder gar Clustern zusammenschließen. Darin
sind die einzelnen Wassermoleküle nicht mehr frei beweglich, sondern
stark gebunden. Deshalb benötigt das Verdunsten von Wasser, also der
Übergang vom flüssigen in den gasförmigen Zustand, auch relativ viel
Energie, um diese Bindungen zu brechen. Lagern sich zusätzlich Protonen
an, also die positiv geladenen Atomkerne von Wasserstoff, so spricht
man von protonierten Wasserclustern. Diese Strukturen sind wichtige
Modellsysteme, um die Lösung von Protonen in Wasser zu untersuchen und
so dessen pH Wert und Leitfähigkeit zu verstehen.
Komplexes Zundel-Ion
Das kleinste protonierte Wassercluster ist das Hydronium-Kation: Es
besteht nur aus einem einzelnen Wassermolekül und besitzt die chemische
Struktur H3O+. Das Zundel-Ion ist mit einem Proton, das sich zwei
Wassermolekülen teilen, dagegen deutlich komplexer. Mit Hilfe
infrarotspektroskopischer Messungen lassen sich die Eigenschaften
verschiedener Wassercluster bestimmen. Dabei werden in den Molekülen
durch infrarotes Licht verschiedene Schwingungen angeregt, für welche
die eingestrahlte Wellenlänge, also die Farbe des Lichts, jeweils
charakteristisch ist. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf die
dreidimensionale Struktur des Moleküls und die Stärke der atomaren
Bindungen ziehen.
Simulation hilft Ergebnisse zu reproduzieren
Um die Schwingungsspektren der Wassercluster im gasförmigen Zustand
messen zu können, benötigt man kleine Moleküle oder Edelgase wie Neon
oder Argon als Boten, welche sich quasi als Spione an die Wassercluster
anlagern und die Schwingungen detektieren. "Diese Spektren hängen aber
von den Botenmolekülen ab, so dass diese Wechselwirkung bei der
Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden muss", sagt Dr.
Gerald Mathias von der Fakultät für Physik der LMU München. Zusammen
mit Forscherkollegen um Professor Dominik Marx von der Ruhr-Universität
Bochum konnte er nun zeigen, dass bereits beim Hydronium-Kation durch
den Einfluss der Botenmoleküle unerwartete Effekte bei den spektralen
Banden auftreten. Mit Hilfe von Simulationen der Dynamik dieser
Komplexe aus protonierten Wasserclustern und Botenmolekülen konnte das
Team die tatsächlichen Spektren aber aus den Ergebnissen reproduzieren.
Botespektroskopie verstehen
"Noch interessanter waren die Ergebnisse beim Zundel-Kation, das
ständig seine Form ändert", sagt Mathias. "Wir konnten zeigen, dass
diese Struktur in zwei verschiedenen Formen vorliegt. Im stark
gebundenen Zustand lagern sich die Boten direkt an das Zundel-Kation
an, beim schwach gebundenen Zustand umkreisen sie es nur. Im schwach
gebundenen Zustand konnten wir aber nahezu dieselben Farbspektren
beobachten wie beim ungebundenen Zundel-Kation - so dass die Spektren
also nicht von den Botenmolekülen beeinflusst wurden." Dieses Ergebnis
erlaubt nun ein besseres Verständnis der experimentellen
Botenspektroskopie, die zur chemischen Analyse der Bestandteile der
Erdatmosphäre oder des interstellaren Raumes im Weltall eingesetzt
wird. Die Forscher erhoffen sich außerdem neue Rückschlüsse auf die
Struktur und Funktion protonierter Wassercluster in Proteinen.
Originalveröffentlichungen: Marcel Baer, Dominik Marx, Gerald Mathias; "Theoretical Messenger Spectroscopy of Microsolvated Hydronium and Zundel Cations"; Angewandte Chemie online, 23.8.2010
G. Mathias und D. Marx, Proc. Natl. Acad. Sci. USA, 104, 6980-6985, (2007)
Kontakt / Infos anfordern
Fordern Sie gratis weitere Informationen an:
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München
DEUTSCHLAND
- Tel.
- +49892180-0
- Fax
- +49892180-2322
-
News
Einzelnen Atomen beim Zur-Ruhe-Gehen zusehen
Wissenschaftler der Freien Universität Berlin, des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik und der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) haben mit Experimenten erstmals das dynamische Verhalten korrelierter einzelner Atome in Festkörpern simuliert. Es gelang ihnen, Atome in sogenannten ... mehr
Mit dem Nano-Ohr in die Stille lauschen
Wie laut krabbelt ein Floh? Welche Schallwellen verursacht ein wanderndes Bakterium? Physikern des Exzellenzclusters „Nanosystems Initiative Munich“ (NIM) ist es erstmals gelungen, Schallwellen im Größenbereich dieses Mikrokosmos zu messen. Als Nano-Ohr fungiert ein einzelnes Goldnanopartik ... mehr
- 1Ötzi-Blut nachgewiesen: 5000 Jahre alte rote Blutkörperchen entdeckt
- 2Erste Sekunden im Leben eines Bauwerkes
- 3Globaler Pharmaumsatz verdoppelt sich bis 2020: Verändertes Geschäftsmodell nötig, um von Chancen zu profitieren
- 4Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung an einzelnen Neuronen zu sehen
- 5Veränderung in der Konzernleitung von Tecan
- 6Erlaubnisfreie Standardlösungen von Betäubungsmitteln
- 7Thermische Eigenschaften von Keramiken auf einen Blick
- 8Was Atome zusammenhält: Physiker enthüllen Symmetrie chemischer Bindungen
- 9Testergebnis in Blut geschrieben: Papier-basierter Bluttest schreibt Blutgruppe auf
- 10Milzbrand oder Milchpulver - gefährlich oder harmlos?
- Gen-Probe: Prodesse ProFAST+-Test zum Nachweis von drei Influenza A-Erregerstämmen erhält CE-Kennzeichnung - - olekularbiologischer Test weist drei Influenza A-Erregerstämme, darunter den Grippevirustyp H1N1 des Jahres 2009, nach
- Laserlicht aus polymeren Mikrokelchen - - Entwicklung hochleistungsfähiger Resonatoren gelungen
- Warum Fische im Eismeer nicht einfrieren: RUB-Chemiker entlarven natürlichen Frostschutz - - Anti-Freeze-Protein beeinflusst die Bewegung umgebender Wassermoleküle
- Die perfekte Welle - Wie die Zellmembran zum Nano-Fließband wird -
- Auf dem Weg zu synthetischen Antikörpern - - Wissenschaftler entwickeln künstliche Nanosensoren





