25.08.2010: Wassercluster bezeichnen Wassermoleküle, die sich kurzfristig zu
größeren Molekülverbänden zusammenschließen. Diese Wassercluster können
weitere positiv geladene Protonen aufnehmen und kommen in dieser Form
auch etwa als funktionelle Gruppen in Proteinen vor. Mit Hilfe der
Infrarotsprektroskopie lassen sich Bindungsstärke, die molekulare
Geometrie und andere Eigenschaften protonierter Wassercluster
bestimmen. Für die Messung der Schwingungsspektren sind Botenmoleküle
nötig. Ein Forscherteam um den LMU-Physiker Dr. Gerald Mathias und
Professor Dominik Marx von der Ruhr-Universität Bochum, konnte nun
erstmals nachweisen, wie diese Strukturen die Zuweisung der spektralen
Banden bei der Infrarotspektroskopie beeinflussen. "Unsere Ergebnisse
könnten dazu beitragen, solche Messungen besser zu verstehen", sagt
Mathias. "Das ist wichtig, um beispielsweise die Funktion protonierter
Wassercluster in Proteinen zu entschlüsseln. Weil Wassermoleküle
praktisch überall vorkommen, könnten die verbesserten Messungen etwa
auch bei chemischen Analysen der Erdatmosphäre oder in der Astrochemie
zum Einsatz kommen."
Starke Bindungen
Wassermoleküle sind nicht gern allein. Das verdanken sie einer
chemischen Besonderheit: Ihre Atome tragen starke Ladungen, so dass
sich benachbarte Wassermoleküle anziehen und über sogenannte
Wasserstoffbrücken zu Ketten oder gar Clustern zusammenschließen. Darin
sind die einzelnen Wassermoleküle nicht mehr frei beweglich, sondern
stark gebunden. Deshalb benötigt das Verdunsten von Wasser, also der
Übergang vom flüssigen in den gasförmigen Zustand, auch relativ viel
Energie, um diese Bindungen zu brechen. Lagern sich zusätzlich Protonen
an, also die positiv geladenen Atomkerne von Wasserstoff, so spricht
man von protonierten Wasserclustern. Diese Strukturen sind wichtige
Modellsysteme, um die Lösung von Protonen in Wasser zu untersuchen und
so dessen pH Wert und Leitfähigkeit zu verstehen.
Komplexes Zundel-Ion
Das kleinste protonierte Wassercluster ist das Hydronium-Kation: Es
besteht nur aus einem einzelnen Wassermolekül und besitzt die chemische
Struktur H3O+. Das Zundel-Ion ist mit einem Proton, das sich zwei
Wassermolekülen teilen, dagegen deutlich komplexer. Mit Hilfe
infrarotspektroskopischer Messungen lassen sich die Eigenschaften
verschiedener Wassercluster bestimmen. Dabei werden in den Molekülen
durch infrarotes Licht verschiedene Schwingungen angeregt, für welche
die eingestrahlte Wellenlänge, also die Farbe des Lichts, jeweils
charakteristisch ist. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf die
dreidimensionale Struktur des Moleküls und die Stärke der atomaren
Bindungen ziehen.
Simulation hilft Ergebnisse zu reproduzieren
Um die Schwingungsspektren der Wassercluster im gasförmigen Zustand
messen zu können, benötigt man kleine Moleküle oder Edelgase wie Neon
oder Argon als Boten, welche sich quasi als Spione an die Wassercluster
anlagern und die Schwingungen detektieren. "Diese Spektren hängen aber
von den Botenmolekülen ab, so dass diese Wechselwirkung bei der
Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden muss", sagt Dr.
Gerald Mathias von der Fakultät für Physik der LMU München. Zusammen
mit Forscherkollegen um Professor Dominik Marx von der Ruhr-Universität
Bochum konnte er nun zeigen, dass bereits beim Hydronium-Kation durch
den Einfluss der Botenmoleküle unerwartete Effekte bei den spektralen
Banden auftreten. Mit Hilfe von Simulationen der Dynamik dieser
Komplexe aus protonierten Wasserclustern und Botenmolekülen konnte das
Team die tatsächlichen Spektren aber aus den Ergebnissen reproduzieren.
Botespektroskopie verstehen
"Noch interessanter waren die Ergebnisse beim Zundel-Kation, das
ständig seine Form ändert", sagt Mathias. "Wir konnten zeigen, dass
diese Struktur in zwei verschiedenen Formen vorliegt. Im stark
gebundenen Zustand lagern sich die Boten direkt an das Zundel-Kation
an, beim schwach gebundenen Zustand umkreisen sie es nur. Im schwach
gebundenen Zustand konnten wir aber nahezu dieselben Farbspektren
beobachten wie beim ungebundenen Zundel-Kation - so dass die Spektren
also nicht von den Botenmolekülen beeinflusst wurden." Dieses Ergebnis
erlaubt nun ein besseres Verständnis der experimentellen
Botenspektroskopie, die zur chemischen Analyse der Bestandteile der
Erdatmosphäre oder des interstellaren Raumes im Weltall eingesetzt
wird. Die Forscher erhoffen sich außerdem neue Rückschlüsse auf die
Struktur und Funktion protonierter Wassercluster in Proteinen.
Originalveröffentlichungen:Marcel Baer, Dominik Marx, Gerald Mathias; "Theoretical Messenger Spectroscopy of Microsolvated Hydronium and Zundel Cations"; Angewandte Chemie online, 23.8.2010
G. Mathias und D. Marx, Proc. Natl. Acad. Sci. USA, 104, 6980-6985, (2007)
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